Kurzüberblick

grommunio 2026.06.1 bringt ein reales Organizations- und Domain-Modell mit. In der Praxis lassen sich mehrere Organisationen mit eigenen Domains, eigenen Benutzern und eigenen LDAP-Quellen betreiben. Dieser Beitrag ordnet ein, wo diese Trennung belastbar ist, wo zusätzliche Härtung nötig wird und für welche Betriebsmodelle das ausreicht.

Das Ergebnis ist bewusst weder ein pauschales „nicht mandantenfähig“ noch ein pauschales „voll mandantenfähig“. grommunio kann mehrere organisatorische Einheiten unter einem gemeinsamen Betreiber sinnvoll abbilden. Für unabhängige MSP- oder Hosting-Kunden auf einer unveränderten gemeinsamen Control Plane bleiben jedoch Grenzen, die architektonisch berücksichtigt werden müssen.

Getestete Grundlage

Geprüft wurde eine frische grommunio Appliance 2026.06.1. Die Appliance wurde nach dem vorherigen Meet-Lab als technische Basis weiterverwendet, vor den Multitenancy-Änderungen gesichert und anschließend mit drei Organisationen aufgebaut: Tenant A mit Directory A, Tenant B mit Directory B und Tenant C mit lokalen Benutzern.

Die beiden externen Directories waren nur die Directory-Basis. Entscheidend war danach der Nachweis in grommunio selbst: Organization A verwendet Directory A, Organization B verwendet Directory B, lokale Benutzer in Organization C bleiben getrennt, und Such-, Import- und Downsync-Aktionen greifen nicht versehentlich in die fremde Organisation.

Multitenancy auf einen Blick

Die Organization- und Domain-Multitenancy von grommunio gilt nicht automatisch für jeden angebundenen Collaboration-Dienst. Einige Komponenten besitzen eigene Identity-, Daten-, Policy- und Administrationsmodelle. Die folgende Übersicht ist deshalb die wichtigste Entscheidungshilfe für Architektur und Betrieb.

Core Mail

Einordnung
Gemeinsam möglich, aber mit Härtung für Sender, Delegation, Listen, Logs und Restore.

LDAP

Einordnung
Getrennt pro Organization möglich; jede Organization kann eine eigene Directory-Quelle verwenden.

Admin

Einordnung
Gemeinsam mit Einschränkungen; globale Metadaten und Logs bleiben Betreiberbereiche.

Web/GAL

Einordnung
Gemeinsam mit Einschränkungen; Webmail und GAL müssen über eindeutige Benutzer-, Domain- und Organization-Zuordnung geprüft werden.

Calendar

Einordnung
Gemeinsam mit Einschränkungen; eigene Kalender funktionieren, Fremdzugriffe liefern keine Eventdetails, brauchen aber saubereres Fehlerverhalten.

Public Folders

Einordnung
Gemeinsam mit Einschränkungen; Root-Trennung ist plausibel, konkrete Berechtigungsmodelle bleiben produktionsrelevant.

Shared Mailboxes / Distribution Lists

Einordnung
Gemeinsam mit Einschränkungen; Cross-Tenant-Empfänger, Delegation und Send-As müssen ausdrücklich kontrolliert werden.

MDM / ActiveSync

Einordnung
ActiveSync funktioniert grundsätzlich als gemeinsamer Dienst; vollständige Device-Lifecycle-Isolation zwischen Organizations bleibt zu validieren.

Webmail + grommunio-auth

Einordnung
Gemeinsam möglich, wenn vollständige Mailadresse, Claims, Domain und Organization eindeutig zusammenpassen.

Keycloak/Auth

Einordnung
Gemeinsamer Realm ist möglich, aber keine automatische Tenant-Isolation; für unabhängige Kunden getrennte Realms, IdPs oder Entry-Points bevorzugen.

Rspamd

Einordnung
Shared Service; für MSP-Kunden getrennte Policy-, History-, Bayes- und Controller-Ebene oder dedizierte Instanz empfehlen.

Archive

Einordnung
Domainmodell vorhanden, aber keine automatische grommunio-Organization-Isolation nachgewiesen; für MSP dediziert empfehlen.

Meet

Einordnung
Shared Jitsi/Prosody-Dienst; Isolation kommt aus Auth, Raum-, Guest-, Lobby- und Moderator-Policy, nicht automatisch aus Organizations.

Chat

Einordnung
Gemeinsamer Workspace/Backend ohne automatische Organization-Tenancy; Team-, Domain- oder Gruppen-Isolation bewusst planen.

Files

Einordnung
User-, Gruppen- und Share-Modell; keine automatische Organization-Zuordnung nachgewiesen, daher explizite Isolation oder dedizierte Instanz.

Office

Einordnung
Gemeinsamer WOPI/Office-Dienst möglich; die Sicherheitsgrenze liegt vor allem bei Files und WOPI-Tokens.

Organizations, Domains und Benutzer

Die zentrale Mandantenstruktur entsteht über Organizations und Domains. Domains werden einer Organization zugeordnet, Benutzer gehören damit zu einer klaren administrativen Einheit. Identische Namen in verschiedenen Organisationen sind technisch handhabbar, solange die Zuordnung über Organization, Domain und eindeutige Objekte erfolgt.

Organizations

Einordnung
Mehrere Organisationen können parallel verwaltet werden.

Domains

Einordnung
Domains lassen sich Organisationen zuordnen und begrenzen Benutzerkontext.

Benutzer

Einordnung
Gleichnamige Benutzer in unterschiedlichen Organisationen verursachten keine falsche Zuordnung.

Scoped Admins

Einordnung
Organisation-/Domain-Admins sehen operative Bereiche eingeschränkt, globale Metadaten bleiben aber nicht vollständig verborgen.

Mail, GAL, Kalender und MDM

Mail und Store

Was sich daraus ableiten lässt
Benutzer, Mailboxen und Standard-Mailflow folgen der Organisations- und Domain-Zuordnung.

GAL und Kontakte

Was sich daraus ableiten lässt
Adressbuch- und GAL-Sichten wurden tenantbezogen geprüft; fremde Benutzer wurden nicht als normale GAL-Ergebnisse sichtbar.

Kalender

Was sich daraus ableiten lässt
Eigene Kalenderzugriffe funktionierten. Bekannte fremde Event-URLs lieferten keine Eventinhalte; Free/Busy zeigte keine Termin-, Ort-, Organisator- oder Zeitdaten, sondern nur Empfänger-/Status-Metadaten. Das direkte Fremdzugriffs-Fehlerverhalten sollte dennoch sauberer werden.

MDM / ActiveSync

Was sich daraus ableiten lässt
Connectivity, Provision, FolderSync sowie Mail-, Kalender- und Kontakte-Sync funktionieren grundsätzlich. Admin-API-Grenzen waren tenantbezogen; eine vollständige Device-Lifecycle-Isolation zwischen mehreren Organizations ist noch nicht abschließend validiert.

Webmail und SSO bei mehreren Organizations

Zusätzlich wurde der zentrale Webmail-Zugang mit grommunio-auth und Keycloak geprüft. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob Keycloak mehrere Benutzer anmelden kann, sondern ob grommunio Web nach dem Redirect wieder die richtige Mailbox, Domain und Organization öffnet.

Im geteilten Webmail-Modell funktioniert die Zuordnung nur belastbar, wenn die vollständige Mailadresse als eindeutige Identität verwendet wird. Der geprüfte Ablauf nutzte dieselbe grommunio-Web-Instanz, dieselbe Webmail-URL, dasselbe grommunio-auth, denselben Keycloak-Realm und denselben OIDC-Client für Benutzer aus unterschiedlichen Organizations. Die OIDC-Claims preferred_username und email enthielten jeweils die vollständige Adresse, und grommunio Web öffnete die passende Mailbox der jeweiligen Domain.

Gleichnamige Benutzer verschiedener Domains sind dadurch unterscheidbar: alice@example-a.test und alice@example-b.test können denselben Localpart alice besitzen, solange die vollständige Adresse als Identität erhalten bleibt. Danach kann grommunio eindeutig von User zu Domain zu Organization abbilden.

Gemeinsame Webmail-URL

Einordnung
Möglich, wenn Redirect, Client, Callback und Cookies sauber auf den gemeinsamen Einstieg abgestimmt sind.

Identische Localparts

Einordnung
Unkritisch im geprüften Pfad, solange `preferred_username` und `email` die vollständige Adresse enthalten.

Benutzer-Mapping

Einordnung
Die Zuordnung erfolgt über volle Adresse, Domain und grommunio-Benutzerobjekt, nicht über den Localpart allein.

Falsche oder unvollständige Identität

Einordnung
Anmeldungen nur mit Localpart oder nicht vorhandener Tenant-Adresse wurden nicht akzeptiert.

Gemeinsamer Realm

Einordnung
Ein gemeinsamer Realm bedeutet keine automatische Tenant-Isolation; entscheidend sind Identität, Claims, Domain-/Organization-Mapping, Rollen, Gruppen und Client-Konfiguration.

Getrennte Kunden-Realms

Einordnung
Im getesteten Aufbau wurden genau ein Realm, ein Client und eine Adapter-Konfiguration verwendet. Eine automatische dynamische Multi-Realm-Auswahl wurde nicht nachgewiesen; getrennte Kunden benötigen getrennte Realms, IdPs, Auth-Instanzen, Entry-Points oder ein Broker-Modell.

Admin-Grenzen und sichtbare Metadaten

Scoped Admins können für operative Aufgaben sinnvoll begrenzt werden. Gleichzeitig sind globale Control-Plane-Bereiche nicht vollständig tenantblind: Systemendpunkte für Domains und Organizations zeigen weiterhin globale Metadaten, und Systemlogs bleiben als gemeinsamer Betriebsbereich sichtbar.

/system/domains und /system/orgs

Bedeutung für den Betrieb
Globale Metadaten können für scoped Admins sichtbar bleiben.

/system/logs

Bedeutung für den Betrieb
Logs sind ein gemeinsamer Kontrollbereich und nicht als tenantprivater Kundenbereich zu verstehen.

Distribution Lists

Bedeutung für den Betrieb
Cross-Tenant-Empfänger müssen organisatorisch und technisch validiert werden.

Delegation und Send-As

Bedeutung für den Betrieb
Fremde Principals dürfen nicht unkontrolliert eingetragen werden.

SMTP-Sender-Autorisierung härten

Für unabhängige Mandanten reicht die Standardprüfung des Absenders nicht aus. Im Test wurde Postfix zusätzlich mit smtpd_sender_login_maps und reject_authenticated_sender_login_mismatch gehärtet. Damit darf ein authentifizierter Benutzer nicht beliebig als fremde Adresse senden.

bash
smtpd_sender_login_maps = regexp:/etc/postfix/sender_login.regexp
smtpd_sender_restrictions =
reject_non_fqdn_sender,
reject_authenticated_sender_login_mismatch,
permit_sasl_authenticated,
permit_mynetworks

Für Produktion muss die Map vollständig gepflegt werden: primäre Adressen, Aliase, Shared-Mailbox-Send-As, Funktionspostfächer und bewusst erlaubte Stellvertretungen gehören in ein sauberes Betriebsmodell. Ohne diese Pflege kann die Härtung entweder zu viel erlauben oder legitime Workflows blockieren.

Angebundene Collaboration-Dienste

Archive, Meet, Chat, Files und Office wurden nicht mehr pauschal aus dem Core-Modell abgeleitet, sondern als eigene Dienste bewertet. Rspamd ist ein Shared Service und braucht für unabhängige MSP-Kunden getrennte Policies, History, Bayes und Controller oder eine dedizierte Instanz. Archive besitzt ein Domainmodell, aber keine automatisch nachgewiesene grommunio-Organization-Isolation. Meet/Jitsi, Chat und Files besitzen eigene Raum-, Workspace-, Benutzer-, Gruppen- und Share-Modelle; für unabhängige Kunden sind explizite Grenzen oder dedizierte Instanzen die konservativere Architektur. Office kann als gemeinsamer Dienst betrieben werden, solange Files und WOPI-Tokens die eigentliche Sicherheitsgrenze sauber durchsetzen.

Geeignete Betriebsmodelle

Eine Organisation mit mehreren Domains

Einordnung
Gut geeignet.

Mehrere Organisationseinheiten unter einem gemeinsamen Betreiber

Einordnung
Geeignet, wenn globale Metadaten, Logs und zentrale Richtlinien akzeptiert und dokumentiert sind.

Unabhängige MSP-/Hosting-Kunden auf gemeinsamer Control Plane

Einordnung
Nicht unverändert empfehlen. Zusätzliche Isolation, Härtung, Validierung oder getrennte Instanzen sind je nach Komponente nötig.

Grenzen, die vor Produktion geklärt werden müssen

Globale Metadaten

Warum es wichtig ist
Mandanten sehen unter Umständen mehr Strukturinformationen als für unabhängige Kunden gewünscht.

Globale Logs

Warum es wichtig ist
Logs gehören in ein Betreiber- und Zugriffskonzept.

Cross-Tenant-DL und Delegation

Warum es wichtig ist
Empfänger, Stellvertretungen und Send-As müssen mandantensicher validiert werden.

Noisy Neighbor und Quotas

Warum es wichtig ist
Tenantweite Storage- und Lastgrenzen wurden nicht vollständig bewiesen.

Tenant-Restore

Warum es wichtig ist
Ein vollständiger Restore nur eines Mandanten wurde nicht gezeigt.

Ausblick auf Teil 10

Multitenancy beantwortet, welche Daten und Verwaltungswege logisch getrennt sind. Teil 10 betrachtet danach die technische Verfügbarkeit: Homeserver, Share-Nothing-Ansätze, Datenbank, Storage, Load Balancing, Sessions, Failover, Fencing, Service-Trennung sowie Backup und Disaster Recovery.